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Ein Kutscher hat oft eine Geschichte zu erzählen. Unser Kutscher hat eine erlebt, bei der einem beinahe der Atem stecken bleibt. Es war im Frühjar 1997, als eine junge Braut, gut geformt und mit einem hübschen Gesicht, sich mit ihrem etwas zu dick geratenen Bräutigam in seine Kutsche setzte, um die Fahrt zur Kirche anzutreten. Er war an diesem Tag früh aufgestanden um noch einmal nach der Kutsche zu sehen und eventuell mit einem weichen Tuch das Leder der Sitze aufzupolieren. Die Pferde wurden intensiv gestriegelt und gebürstet bis das dunkle Fell einen seidigen Schimmer bekam. Er nahm seinen Beruf sehr ernst. Niemand sollte ihm nachsagen können, er wäre nachlässig gewesen oder hätte gar das junge Glück eines Brautpaares durch eine Unachtsamkeit riskiert.

Die Sonne schien warm durch die frische Frühlingsluft. Alles schien in bester Ordnung. Peter, der Bräutigam war um zehn Uhr morgens zu ihm gekommen und zusammen waren sie mit der Kutsche vor das Haus von Julias Eltern gefahren um sie abzuholen. Julias Vater hatte ihm, dem Kutscher, traditionsgemäß einen Schnaps angeboten, den er mit einem Prost auf das Brautpaar hinunterkippte. Danach hatte das junge Paar in der Kutsche Platz genommen, die sich nach einem Schnalzen langsam in Bewegung setzte. In etwa 15 Minuten würden sie bei der Kirche ankommen.

Das Klappern der Hufe auf dem Pflaster übertönte das verliebte Getuschel der beiden, die mehr mit einander als mit ihrer Umgebung beschäftigt waren. Beim Anblick seiner Liebsten in ihrem weißen Hochzeitskleid wurde Peter ganz warm um's Herz und seine Phantasie ging mit ihm durch, zu dem Zeitpunkt nach der Trauung und dem Fest, wo er mit seiner hübschen Julia allein sein würde. Er konnte es kaum noch erwarten und der Druck seiner Arme, die er um sie gelegt hatte, verstärkte sich spürbar. Als sie dies spürte, fing auch ihr Herz schneller an zu schlagen und eine leichte Röte stieg ihr ins Gesicht. Der Kutscher, der die beiden in einem kleinen Rückspiegel beobachten konnte, mußte schmunzeln. Er war als junger Bursche ebenso in seine gute Emma verliebt gewesen und er gönnte den jungen Leuten ihr Glück.

Sie bogen gerade beim Bäcker um die enge Kurve, dort wo die Seilestrasse in die Kirchgasse mündet, als zwei wild gewordene Raudis mit ihren Autos mit quitschenden Reifen um die Ecke geschossen kamen. Die Pferde, obwohl sie eher zu der ruhigen, kaltblütigeren Sorte gehörten, gerieten dermaßen in Angst und Schrecken, daß sie im wilden Galopp das Weite suchten. Der Kutscher versuchte mit beruhigenden Hooos und Brrrrs und indem er mit aller Kraft an den Zügeln zog, die Pferde wieder unter Kontrolle zu bringen. Nichts half. Die Pferde rannten als ginge es um ihr Leben und ihre Hufeisen schlugen kleine Funken aus dem Pflaster. In Windeseile näherten sie sich der Kirche wo die versammelte Menge wild gestikulierten, winkten und durcheinanderschrien.

Der Kutscher, der das Schlimmste befürchtete, rief zu seinen Fahrgästen nach hinten: "springt ab - ihr müßt springen". Peter packte beherzt seine Julia und hielt sie am Arm während sie mit ihren Füssen versuchte, die Trittbretter der Kutsche zu erreichen, um nicht so weit zu fallen. Sie fürchtete sich und klammerte sich an Peters Rock. Er rief noch einmal: "Julia spring", als sich ihr langes Hochzeitskleid, durch den Fahrtwind nach hinten geweht, in den Speichen der Kutsche verfing. Gerade als sie die versamelte Hochzeitsgesellschaft passierten, tat es einen gewaltigen Ratsch. Das Kleid riß, flog Julia vom Leib und wickelte sich um das rechte Hinterrad der Kutsche.

Sie waren am Ende der Kirchgasse und vor der Kirche angekommen und die Pferde, da sich ihnen kein Fluchweg mehr bot, kamen schnaubend und naßgeschwitzt zum Stillstand. Peter hielt Julia immer noch fest, die sich zitternd an ihn schmiegte. Tränen liefen ihre Wangen herunter und mit einem Schluchzen sagte sie "das schöne Kleid". Peter, der ohne sagen zu können warum, die Ruhe bewahrte, sah Julia in ihrer Spitzenunterwäsche an, drückte sie an sich und flüsterte ihr ins Ohr "Liebling, du bist so schön - ich liebe Dich". Langsam gewann sie ihre Fassung wieder. Inzwischen hatten zwei Frauen der Gesellschaft das Kleid unter dem Wagen hervorgezerrt, wohl in der Hoffnung, daß man es Julia nur wieder überzuziehen bräuchte. Es war jedoch in einem derart bedauernswerten Zustand, daß sie es mutlos wieder zu Boden fallen ließen.

Plötzlich ging ein Ruck durch die Menge, als Julia, die sich den schönsten Tag ihres Lebens nicht durch ein solches Mißgeschick vereiteln lassen wollte, mit Peter an der Hand, stolz erhobenen Hauptes aus der Kutsche stieg und leise aber deutlich verkündete: "Das Kleid ist hin, aber wir werden jetzt Heiraten". Und mit diesen Worten ging sie in ihrer Spizenwäsche mit Peter an der Hand auf das Portal der Kiche zu. Liebevoll blickte Peter sie an. Das war die Frau für's Leben - er war sich völlig sicher. Die Kirchenglocken begannen zu läuten.

 





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